Ein Blick in die Hölle von Auschwitz

Opfer der Nazi-Diktatur berichten vor HBS-Schülern über ihre schrecklichen Erlebnisse

Auf dem Stoffplan im Fach Gesellschaftslehre in der zehnten Klasse stehen der Zweite Weltkrieg und Gräueltaten der Nationalsozialisten. Die Schüler informieren sich im Internet, lesen Texte und erarbeiten sich ein fundiertes Wissen über dieses dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Bei aller Wissensvermittlung fehlt jedoch die Authentizität, die gerade bei diesem Thema für Empathie und Betroffenheit sorgt. Noch lässt sich dieser Mangel beheben: Zeitzeugen können Auskunft geben, können ihre Erlebnisse schildern. Die Heinrich-Böll-Schule hatte in der vergangenen Woche deshalb zwei Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz zu Gast. Sie gewährten den Zehntklässlern einen Einblick in die Hölle.
Organisiert wurde der Besuch der Nazi-Opfer von Religionslehrerin Heike Breid und der Leiterin der Fachschaft Gesellschaftslehre, Julia Ofenloch. Heike Breid hatte das Thema im Vorfeld mit den Schülern bearbeitet; der Fokus lag dabei auf der Rolle der Kirche im "Dritten Reich". Grundlage bildete die Rede von Papst Johannes-Paul II mit dem Titel "Wo war Gott?". Auch im Fach Gesellschaftslehre setzen sich die Schüler mit der Nazi-Diktatur intensiv auseinander.
Man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können, als Brygida Czekanowska und Ignacy Golik mit ihren Schilderungen für Entsetzen, Betroffenheit, Bedauern, Mitleid und Empörung bei den Schülern sorgten. In unaufgeregter Weise erzählten die Zeitzeugen über den grauenhaften Alltag im Konzentrationslager. Sie beschrieben ihre Ängste und ihre Hoffnungen. Ohne einen Anflug von Wut in ihren Stimmen äußerten sie sich über ihre Aufseher, die in menschenverachtender Weise auf die Häftlinge einprügelten, sie schikanierten und ohne mit der Wimper zu zucken in die Gaskammer führten.





Ein oft verwendetes Wort war "Lebenswille". Sie hätten sich, das betonten beide NS-Opfer, jeden Tag aufs Neue vorgenommen, zu überleben. Dass sie dabei auch oft Glück hatten, räumten die betagten Referenten freimütig ein.
Brygida Czekanowska wurde nach ihrer Festnahme erst nach Buchenwald transportiert. Dort war kein Platz. Es ging weiter nach Bergen-Belsen, auch dort war das Lager überfüllt. Sie wurde mit ihrer Mutter in einem Zelt untergebracht. Die Insassen erhielten keine Nahrung; nur ein Wasserhahn stand für die unzähligen Häftlinge zur Verfügung. Wochen später wurde sie mit ihrer Mutter in einen Viehwagen getrieben und nach Ravensbrück transportiert. Brygida Czekanowska hatte Glück: Da sie die deutsche Sprache beherrschte, wurde sie als Arbeiterin im Rüstungsbetrieb Kleinlinden eingesetzt. Am 9. Mai 1945 wurde sie von der amerikanischen Armee befreit.
Ignacy Golik wurde am 16.01.1922 in Warschau geboren. Im Januar 1941 wurde er von der Gestapo verhaftet und nach kurzer Gefängnishaft zusammen mit seinem Bruder und dessen Frau nach Auschwitz gebracht. Golik wurde als Häftling Nummer 9.898 registriert und verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt. Im Herbst 1942 kam er ins Kommando SS-Revier. Ende 1943 avancierte Golik zum Kapo des Arbeitskommandos SS-Revier. Im November 1944 wurde er von der SS in das Konzentrationslager Sachsenhausen (bei Berlin) und später in ein Nebenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück verschleppt.
Er arbeitete als Zwangsarbeiter am Fließband des Flugzeugherstellers Heinkel. Lebensbedrohlich war hier nicht die Unberechenbarkeit der Aufseher ("wir arbeiteten mit Zivilisten"), sondern der Hunger. Golik wog noch 42 Kilogramm, als die weiße Fahne am Turm wehte und russische Panzer zur Befreiung kamen. Sein Bruder und dessen Frau wurden von den Nazis ermordet.
Im Jahr 1964 wurde Golik als einer der ersten polnischen Zeugen zu den Frankfurter Auschwitzprozessen geladen, um dort seine Aussage zu machen. Dieser Prozess hat bewirkt, dass Auschwitz zum Inbegriff des Holocausts, des Massenmordes durch Arbeit oder Gas im "Dritten Reich" geworden ist. Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden hier ermordet, vor allem Juden. Das sind 20 Prozent aller KZ-Opfer.





Die Schüler nutzten ausgiebig die Gelegenheit, um den beiden Zeitzeugen Fragen zu stellen. Beispielsweise wollten sie wissen, ob die Opfer der Nazis Hass oder Verachtung für Deutschland empfänden. "Nein" lautete die für manche Jugendliche überraschende Antwort.
"Wir haben viele Texte über das Hitler-Regime und die Gräueltaten gelesen und wir haben uns auch erschütternde Fotos angeschaut, aber die Vorträge haben uns an Einzelschicksalen erst das Ausmaß der Verbrechen richtig bewusst gemacht", fasste ein Schüler zusammen. Ein anderer Zehntklässler ergänzte treffend: "Wir sollten dafür dankbar sein, dass wir noch zu denen gehören, die mit Überlebenden des Holocaust haben sprechen dürfen." Und eine Schülerin betonte: "Solche Verbrechen dürfen in Deutschland nie wieder geschehen."